Aktuelles aus der psychologischen Forschung

Jeden Tag erscheinen neue Ergebnisse psychologischer Forschung. Auf dieser Seite fasse ich Artikel zusammen, die mich besonders angesprochen haben. Weitere Artikel finden sie hier. Sie können diese Artikel auch abonnieren. Wenn Sie mehr über psychologische Forschung efahren möchten, lesen Sie auch forschung-erleben.ch.

Die Fröhlichkeitsfalle

Wollen Sie glücklich sein? Die allermeisten Menschen antworten auf diese Frage mit einem Ja. Entsprechend sind Buchläden und das Internet voll von Ratgebern zum Glücklich-Sein. „Schlüssel zum Glücklich-Sein“, „Nimm dir Zeit glücklich zu sein“ und „Eine Anleitung zum Glücklichsein“ sind nur einige Beispiele. „Glücklich sein muss man wollen und das Seine dazu tun“ steht prominent auf einer Internetseite; „Unsere wahre Aufgabe ist es, glücklich zu sein“ auf einer anderen. Es scheint, glücklich zu sein ist ein grosses Gut.

 

Gewiss, Glücklich-Sein hat viele gute Seiten. Glückliche Menschen sind erfolgreicher in der Verfolgung ihrer Ziele, sie haben bessere soziale Beziehungen und sind gesünder als ihre weniger glücklichen Zeitgenossen. Es gibt so viele positive Konsequenzen von Glücklich-Sein, das sich die psychologische Forschung lange nicht die Frage gestellt hat, ob Glücklich-Sein auch Schattenseiten hat. Erst in den letzten Jahren gibt es Evidenz, dass man auch zu glücklich, glücklich zu falscher Zeit und glücklich aus falschen Gründen sein kann.

 

Gibt es ein Zuviel an Glücklich-Sein? Ja. Menschen, die sehr starke positive und fast keine negativen Emotionen berichten, verhalten sich risikoreich, missachten Gefahren und haben sogar antisoziale Tendenzen (sie ignorieren die Gefühle von Anderen). Extreme Ausprägungen jedes mentalen Zustandes können negative Konsequenzen haben und das Glücklich-Sein ist keine Ausnahme.

 

Gibt es eine falsche Zeit für Glücklich-Sein? Ja. Wenn Probleme gelöst, Verluste verarbeitet oder Gefahren vermieden werden müssen, ist Fröhlichkeit nicht nur nicht förderlich, sondern hinderlich. In manchen Situationen sind Ärger, Trauer und Angst adaptiver. Ausserdem macht uns Fröhlichkeit anfällig für vereinfachtes Denken. Wir greifen zum Beispiel schneller zu Vorurteilen. Es fehlt uns an kritischem Hinterfragen unserer eigenen Urteile.

 

Gibt es falsche Gründe für Glücklich-Sein? Ja. Paradoxerweise fühlen wir uns desto unglücklicher, je glücklicher wir sein wollen. Warum ist das so? Wenn wir ein Ziel verfolgen, prüfen wir fortan, wie weit wir von diesem Ziel entfernt sind. Je glücklicher wir sein wollen, desto grösser ist die Kluft zwischen unserem momentanen und dem erwünschten Glücksgefühl. Dieser Effekt ist umso stärker, je erreichbarer uns das Glück erscheint (wenn es also keine objektiven Gründe gibt, unglücklich zu sein). Nicht zuletzt führt das Verfolgen von Glück zu Selbstfokus und wenig sozialem Engagement und dadurch zu mehr Einsamkeit.

 

Das Glücksgefühl kann man vielleicht am besten mit Nahrung vergleichen. So wie wir essen müssen, um zu leben, brauchen wir auch das Gefühl, glücklich zu sein. Aber genauso wie es zu viel Essen, falsches Essen oder Essen zur falschen Zeit gibt, ist auch das Glücklich-Sein nicht immer nur gut. Mit diesem Wissen können wir mit unseren Gefühlen besser umgehen. Wer zum Beispiel akzeptiert, dass positive und negative Gefühle zum Leben gehören, ist paradoxerweise zufriedener als jemand, der negative Emotionen vermeidet. Und Menschen, die in einer interessanten Tätigkeit aufgehen, sind zufriedener als Menschen, die das Glück suchen. Es scheint, dass wir umso glücklicher sind, je weniger wir uns darum bemühen.

 

Quelle: Gruber, J., Mauss, I. B., & Tamir, M. (2011). A dark side of happiness? How, when, and why happiness is not always good. Perspectives on Psychological Science, 6, 222-233.

Bildquelle: http://codama.blogspot.ch

© 2014 Jana Nikitin

Das Elternglück?

Vermutlich hat sich jede Mutter und jeder Vater schon einmal in einem ganz schwachen Moment heimlich gewünscht, nie Kinder bekommen zu haben. Die Elternschaft ist eher eine Achterbahn als ein sonniger Spaziergang, der Alltag ist oft geprägt von Kämpfen mit dem Nachwuchs und Sorgen um sein Wohlergehen und so etwas wie Dankbarkeit zu ernten? Dass ich nicht lache.

 

So ist es nicht verwunderlich, dass Eltern manchmal mit Nostalgie an die Zeiten zurückdenken, als man noch zum Reisen nur einen Koffer brauchte, das Abendessen mit Freunden in Ruhe genoss und am Sonntag ausschlafen konnte. Hand aufs Herz, liebe Eltern, sind Sie nicht manchmal ein ganz wenig neidisch auf die kinderlosen Mitmenschen, denen all diese Freuden erhalten blieben?

 

Nun, das müssen Sie nicht sein. In einer repräsentativen US-amerikanischen Umfrage von fast 7'000 Personen fanden Katherine Nelson und ihre Kolleginnen und Kollegen, dass Menschen mit Kindern im Schnitt sogar etwas mehr Zufriedenheit und Glück berichten als Menschen ohne Kinder. Das galt mehr für Väter als für Mütter und mehr für Eltern im mittleren Alter als für jüngere Eltern. Menschen ohne Kinder in einer Paarbeziehung unterschieden sich dazu nicht von Paaren mit Kindern und unverheiratete Eltern berichteten sogar etwas weniger Glück und Zufriedenheit als kinderlose Personen.

 

Und wie sieht es im Alltag aus? Das haben die Forscher in ihrer zweiten Studie untersucht, in der sie insgesamt 329 Eltern und Nicht-Eltern fünfmal am Tag während einer Woche nach ihrem Wohlbefinden befragten. Die Ergebnisse: Eltern berichteten im Schnitt höheres Wohlbefinden als Personen ohne Kinder. Zwar war der Zusammenhang zwischen Elternschaft und Wohlbefinden auch hier stärker für Väter als für Mütter, aber die Unterschiede fielen relativ gering aus. Und sogar alleinerziehende Eltern berichteten etwas mehr Wohlbefinden als kinderlose Singles. Im alltäglichen Leben scheinen also Eltern etwas glücklicher zu sein als ihre kinderlosen Gegenüber.

 

In einer dritten Studie wollten die Forscher schliesslich wissen, ob Eltern zu Zeiten glücklicher sind, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern, im Vergleich zu Tätigkeiten ohne Kinder. Tatsächlich war das der Fall. In Alltagssituationen mit Kindern berichteten Eltern mehr positive Gefühle und mehr Sinnhaftigkeit als in Alltagssituationen ohne Kinder.

 

Ist also Kinderkriegen ein Rezept für Glück? Genau diese Frage können die Studien nicht beantworten. Es könnte nämlich auch gut sein, dass Menschen, die im Schnitt glücklicher sind, eher Kinder in die Welt setzen als Andere. Ausserdem ist nicht jeder mit Kindern automatisch glücklicher, wie die Studien ja auch zeigen. Jemandem zu empfehlen, Kinder zu haben, um glücklicher zu sein, wäre also nicht nur zweifelhaft, sondern auch unverantwortlich. Aber die Ergebnisse der Studien können alle Eltern etwas beruhigen. Den Anderen ohne Kinder geht es nämlich nicht immer besser und manchmal sogar weniger gut. Das können Sie sich in Erinnerung rufen, wenn Sie das nächste mal Ihre Kinder am liebsten ... [man setze Passendes ein].

 

Quelle: Nelson, S. K., Kushlev, K., English, T., Dunn, E. W., & Lyubomirsky, S. (2013). In defense of parenthood: Children are associated with more joy than misery. Psychological Science, 24, 3-10.

Bildquellehttp://cdn.sheknows.com/articles/2012/05/sarah_parenting/baby-surprise.jpg

© 2014 Jana Nikitin