Begegnung mit dem Seehund

March 23, 2014

Nach vier Wochen alleine hier habe ich den ersten grösseren Ausflug gemacht. Bis dahin war ich zögerlich. Alleine, in einem Land, das ich immer noch kaum kenne, auf Strassen, die rutschig sind, und in einer Gegend, wo so gut wie keine Menschen leben, war mir das Reisen zu unsicher. Aber so würde ich mein Leben lang auf der Insel hocken bleiben. Also fasste ich am Samstag Mut und brach Richtung Westen auf. Der Plan war, bis zum offenen Meer zu fahren und dort an der Küste eine kleine Wanderung zu machen. Ich fuhr über die Brücke nach Kvaløya und dort die kleine Passstrasse Skjelhollet. Links von der Strasse weideten Renntiere.

 

Unten angekommen gab es eine Strasse Richtung Lyfjord und eine Richtung Skulsjford. Beide endeten nach ein paar Hundert Metern und von Skulsjord ging es mit der Fähre weiter. Ich hatte keine Zeit und Lust auf Fähre, also parkte ich den Landrover und erkundete die Gegend um den Lyfjord. Auf der „Informasjon“ Tafel stand, dass Lyfjord ein kleiner Weiler mit 115 Einwohnern ist, die mehrheitlich von der Fischerei leben. Im Dorf traf ich keine Menschenseele und auch sonst war die Gegend so verlassen, dass ich mir wie im „Der letzte räumt die Erde auf“ vorkam.

 

Ich ging entlang der Küste über Stock und Stein und bewunderte die grandiosen Berge, die widerstandsfähigen Birken, die kleinen Heidelbeeren, die unter den Füssen den Schnee rot färbten, und die winzigen Tierspuren, die ich nicht deuten konnte. Überall lag Schnee. Nur dort, wo das Meereswasser ans Ufer spült, gab es einen kleinen schneefreien Streifen mit Sand, Steinen und gelbem Gras.

 

Nach etwa einer Stunde kam ich an einen kleinen Ausläufer. Es gab viel zu sehen. Die farbigen Muscheln, die alten Schiffteile mit verrosteten Nageln, den ausgespülten Seetang. Ich war gerade vertieft in das Fotografieren einer violett verfärbten Muschel, als ich bemerkte, das mich ein schwarzer Punkt etwa 40 Meter vom Ufer entfernt aus dem Wasser anstarrt. Es hat sich herausgestellt, dass das ein Seehund war, dessen Neugier durch mein Treiben auf der kleinen Halbinsel geweckt wurde. So standen wir eine Weile dort und schauten uns gegenseitig an, bis er das Interesse verlor und unter die Wasseroberfläche verschwand. Nach ein paar Minuten guckte er nochmals raus und liess sich sogar geduldig ablichten. Es war alles so seltsam: die Einsamkeit, der kleine Seehund mitten in den riesigen Wassermengen, der Schnee und das Meer, die tiefhängenden Wolken, das schwache Licht. Ich stand noch eine Weile da und genoss dieses wunderbar seltsame Gefühl.

 

Bald danach begann es wieder zu schneien und ich machte mich auf den Rückweg. Im Dorf war immer noch keine Menschenseele zu sehen. Und als ich an den Renntieren vorbei fuhr, sah ich, dass sie sich in den Schnee zum Schlafen gelegt haben.

 

Mehr Fotos vom Lyfjord hier

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