Aktuelles aus der psychologischen Forschung: weitere Artikel

Jeden Tag erscheinen neue Ergebnisse psychologischer Forschung. Auf dieser Seite fasse ich Artikel zusammen, die mich besonders angesprochen haben. Sie können diese Artikel auch abonnieren. Wenn Sie mehr über psychologische Forschung efahren möchten, lesen Sie auch forschung-erleben.ch.

Wohin schauen wir (nicht)

Manche Menschen scheinen durchs Leben mit einer rosaroten Brille zu gehen, während Andere die Welt eher grau wahrnehmen. Aber sehen tatsächlich Menschen Unterschiedliches oder interpretieren sie nur anders die gleiche Realität? Nehme ich beispielsweise grimmige Gesichter nicht wahr, wenn ich gut gelaunt bin? Oder scheinen mir einfach alle Menschen generell etwas fröhlicher zu sein? Tatsächlich zeigen Studien, dass wir je nach Stimmung Anderes wahrnehmen. Wenn wir gut gelaunt sind, nehmen wir eher Positives wahr und ignorieren Negatives. Wenn wir dagegen schlecht gelaunt sind, springt uns Negatives eher ins Auge als Positives.

 

Nicht nur die Stimmung bestimmt, was wir von unserer Umgebung wahrnehmen. Auch unsere Ziele spielen eine Rolle. Daniel Simons und Christopher Chabris zeigten beispielsweise in ihrem klassischen Experiment, dass uns ein klares Ziel blind für unerwartete Ereignisse macht. Die Forscher baten Probanden, in einem kurzen Video eines Basketballspiels die Zuspiele zu zählen. Etwa in der Mitte des Spieles lief eine als Gorilla verkleidete Frau durch das Feld. Obwohl die Gorilla sehr klar zu sehen war und für etwa fünf Sekunden auf dem Bildschirm erschien, nahm nur etwa die Hälfte der Probanden ihre Anwesenheit wahr. Die andere Hälfte war so beschäftigt mit dem Zählen, dass sie die Gorilla gar nicht bemerkte.

 

Bestimmen nur aktuelle Ziele unsere Wahrnehmung, oder auch Ziele, mit denen wir mehr oder weniger immer durchs Leben laufen? Das haben Alexandra M. Freund und ich in einer Studie untersucht. Wir baten Probanden mittels eines Fragebogens anzugeben, welche Ziele sie generell in ihren sozialen Beziehungen verfolgen. Je mehr dabei Aussagen wie „Ich verkehre weniger mit Leuten, die Kritik äussern“ bejaht werden, desto stärker sind Vermeidungsziele, also Ziele, die auf die Vermeidung von negativen sozialen Begegnungen (Ablehnung, Streit, Verletzung) ausgerichtet sind.

 

Etwa eine Woche später wurden die Probanden ins Labor eingeladen, wo sie sich Fotos von insgesamt 60 Personen mit einem fröhlichen, einem verärgerten und einem neutralen Gesichtsausdruck anschauten. Dabei wurden mittels eines Infrarot-Auge-Tracking-Systems ihre Augenbewegungen gemessen.

 

Probanden mit stärkeren Vermeidungszielen schauten im Schnitt länger und öfter auf verärgerte und weniger auf fröhliche Gesichter als Andere. Auf den ersten Blick ist dieses Ergebnis überraschend. Warum sollten Menschen, die negative Begegnungen generell vermeiden, gerade diejenigen Gesichtsausdrücke wahrnehmen, die diese negativen Begegnungen verkörpern?

 

Um einem verärgerten Menschen aus dem Weg gehen zu können, muss ich ihn zuerst bemerken, vermuten wir. Anderenfalls laufe ich Gefahr, dass ich unverhofft in einer unangenehmen Konversation lande. Leider verpasse ich dabei womöglich auch Chancen, mit fröhlichen Menschen in Kontakt zu kommen, weil ich sie weniger bemerke. Das ist vermutlich auch der Grund, warum Menschen mit starken Vermeidungszielen mehr Einsamkeit und niedrigeres Wohlbefinden berichten als Andere. Es ist eben auch gut, ab und zu die rosarote Brille anzulegen; indem man sich temporär andere Ziele setzt.

 

Quellen: Nikitin, J., & Freund, A. M. (2011). Age and motivation predict gaze behavior for facial expressions. Psychology and Aging, 26, 695-700.

Simons, D. J., & Chabris, C. F. (1999). Gorillas in our midst: Sustained inattentional blindness for dynamic events. Perception, 28, 1059-1074.

Bildquellehttp://www.webcredible.co.uk/i-2012/car-tool-eyetracking.jpg

© 2014 Jana Nikitin

Der Weg zur Hölle...

... ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Wir würden gerne mehr Gemüse essen, weniger Alkohol trinken, Sport treiben, kurz: Gesundes tun und Schädliches lassen. Und landen trotzdem oft mit Chips und Bier vor dem Fernseher. Was können wir dagegen tun? Was hilft uns, an unser langfristiges Wohl anstatt an das kurzfristige Vergnügen zu denken? Und es in Taten umzusetzen?

 

Es gibt viele staatlich unterstütze Interventionsprogramme zu mehr gesundem Verhalten. Ihre bisherigen Ergebnisse sind aber milde gesagt bescheiden. Warum? Oft wird probiert, gesundes Verhalten mit finanzieller Belohnung zu fördern. Doch kehren die meisten Menschen nach deren Wegfallen rasch zu den alten Gewohnheiten zurück.

 

Besser funktioniert, wenn die Belohnung durch einen potentiellen Verlust ergänzt wird. Zum Beispiel hörten Raucher eher mit dem Rauchen auf, wenn sie sich für ein sechsmonatiges Sparprogramm verpflichtet haben. Sie bezahlten während dieser Zeit eine kleine Geldsumme auf ein Konto. Bestanden sie nach sechs Monaten den Nikotin-Urintest, bekamen sie ihr gespartes Geld ausbezahlt. Bestanden sie nicht, wurde ihr Geld einer Hilfsorganisation gespen-det.

 

Die Idee, Belohnung und Bestrafung zu kombinieren, haben Janet Schwartz und ihre Kollegen im Rahmen eines gross angelegten Gesundheitsprogrammes in Südafrika umgesetzt. Bis anhin bekamen die Teilnehmer des Programmes monatlich 25% des Geldes zurück, das sie für gesunde Nahrungsmittel ausgegeben haben. Trotz dieses erheblichen finanziellen Anreizes landeten in den Einkaufskörben nur etwa 30% gesunde Nahrungsmittel.

 

Die Forscher um Janet Schwartz haben neu einem Teil der Teilnehmer die Möglichkeit gegeben, ihren 25-prozentigen Bonus vom Vormonat auf die Seite zu legen. Wenn sie es schafften, in den sechs Folgemonaten 5% mehr gesunde Nahrungsmittel als bisher zu kaufen, haben sie ihr Bonus zurück erhalten. Erreichten sie die 5% Marke aber nicht, verloren sie ihr Geld.

 

632 (35%) der angefragten Haushalte haben sich tatsächlich verpflichtet, an der neuen Intervention mitzumachen. Diese Zahl ist erfreulich, wenn man bedenkt, dass den Teilnehmern keine weiteren finanziellen Vorteile hervorschwebten. Im Gegensatz, es drohte ihnen, das Geld zu verlieren.

 

Noch erfreulicher war, dass diese Teilnehmer während des halben Jahres der Intervention tatsächlich mehr gesunde und weniger ungesunde Nahrungsmittel eingekauft haben, während alle anderen Teilnehmer des Programmes, die wie bisher nur 25% des Geldes zurückerhalten haben, ihr Verhalten nicht änderten.

 

Was können wir aus diesen Ergebnissen lernen? Erstens, Menschen sind offensichtlich durchaus bereit, sich zu etwas Unangenehmen (z.B. Geldverlust) zu verpflichten, um gesünder zu leben. Zweitens, solche Verpflichtungen helfen, gute Vorsätze in Taten umzusetzen. Drittens, sie lassen sich problemlos in unseren Alltag einbauen. Planen Sie zum Beispiel für die nächsten sechs Monate dreimal die Woche eine Stunde zu joggen? Dann werfen Sie für jeden Tag, an dem Sie zu Hause geblieben sind, fünf Euro in ein Sparschwein. Sind nach sechs Monaten weniger als 50 Euro drin, haben Sie fast 90% Ihrer vorgenommenen Sporteinheiten durchgeführt und können sich dafür mit dem gesparten Geld belohnen. Sind aber mehr als 50 Euro drin, spenden Sie das Geld an eine Hilfsorganisation. Oder, noch besser: an eine politische Partei, die Sie überhaupt nicht mögen!

 

Quellen: Schwartz, J., Mochon, D., Wyper, L., Maroba, J., Patel, D., & Ariely, D. (2014). Healthier by precommitment. Psychological Science, avanced online publication.

Giné, X., Karlan, D., & Zinman, J. (2010). Put your money where your butt is: A commitment contract for smoking cessation. American Economic Journal: Applied Economics, 2, 213-235.

Bildquelle: http://automobilverkaeufer-blog.de/wp-content/uploads/2013/12/vorsätze.jpg

© 2014 Jana Nikitin